Von Verwandtschaft zu Ressourcen: Verwandtschaft, ethnische Ressourcen und unternehmerischer Erfolg von Migrantenunternehmern in Europa / KINETIC

Hintergrund und Forschungsziel

Unternehmertum von Migranten und ethnischen Minderheiten leisten einen bedeutenden Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung, zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zur sozialen Integration in Europa (David et al., 2025). Unternehmertum innerhalb von Migrantengemeinschaften stellt nicht nur eine wirtschaftliche Aktivität dar, sondern auch einen Mechanismus, durch den Individuen und Gemeinschaften an Prozessen sozialer und wirtschaftlicher Inklusion teilhaben (Acs et al., 2009; Bolzani et al., 2026). Migrantische Unternehmerinnen und Unternehmer tragen zur lokalen Wirtschaft bei, indem sie Unternehmen gründen, Arbeitsplätze schaffen und wirtschaftliche Verbindungen über nationale und kulturelle Grenzen hinweg etablieren (Aldrich & Waldinger, 1990; Kloosterman & Rath, 2001).

Trotz ihrer wachsenden Bedeutung agieren migrantische Unternehmen häufig in sozialen und institutionellen Umfeldern, die sich von denen der Mehrheitsbevölkerung unterscheiden (David & Terstriep, 2025). Die klassische Entrepreneurship-Forschung konzentrierte sich überwiegend auf individuelle Faktoren wie unternehmerische Absichten, Humankapital, Innovationsfähigkeit und den Zugang zu finanziellen Ressourcen (Shane & Venkataraman, 2000). Obwohl diese Faktoren weiterhin von zentraler Bedeutung sind, erklären sie nur teilweise, wie Unternehmerinnen und Unternehmer mit migrantischem Hintergrund Chancen erkennen, Einschränkungen überwinden und ihre Unternehmen langfristig erfolgreich führen (Refai et al., 2025). Zunehmend betont die Entrepreneurship-Forschung, dass unternehmerisches Handeln sozial eingebettet ist und durch Beziehungen, Institutionen, kulturelle Identitäten und historische Erfahrungen geprägt wird (Granovetter, 1985; Welter, 2011; David et al., 2026).

Das Konzept der Embeddedness (Einbettung) hat sich als besonders einflussreich für das Verständnis von migrantischen Unternehmen erwiesen. Granovetter (1985) argumentiert, dass wirtschaftliches Handeln in soziale Strukturen eingebettet ist und nicht losgelöst von zwischenmenschlichen Beziehungen betrachtet werden kann. Unternehmerinnen und Unternehmer sind auf soziale Netzwerke angewiesen, über die sie Zugang zu Informationen, Vertrauen, Legitimität und Ressourcen erhalten. Diese Perspektive ist besonders relevant für migrantische Unternehmen, die häufig mit Barrieren beim Zugang zu etablierten unternehmerischen Ökosystemen konfrontiert sind – beispielsweise mit eingeschränktem Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten, beruflichen Netzwerken und institutioneller Anerkennung (Kloosterman et al., 1999; Kloosterman, 2010; Ram et al., 2017). In solchen Kontexten können informelle soziale Beziehungen zu wichtigen Mechanismen werden, mit denen Unternehmerinnen und Unternehmer institutionelle Nachteile ausgleichen und alternative Wege wirtschaftlicher Teilhabe entwickeln (Bisignano & El-Anis, 2019).

Die bisherige Forschung hat jedoch den Prozessen, durch die Verwandtschaftsbeziehungen (Kinship) und ethnische Ressourcen mobilisiert und in unternehmerische Ressourcen umgewandelt werden, nur begrenzte Aufmerksamkeit geschenkt. Obwohl sowohl Verwandtschaft als auch Ethnizität in der Migrationsforschung und in der Forschung zum ethnischen Unternehmertum intensiv untersucht wurden, geschah dies meist getrennt voneinander. Zudem werden beide häufig als statische Merkmale oder Hintergrundbedingungen verstanden und nicht als dynamische, relationale und strategische Ressourcen. Ebenso ist bislang wenig darüber bekannt, wie Unternehmerinnen und Unternehmer diese Ressourcen aktiv konstruieren, aushandeln und im Verlauf ihrer unternehmerischen Laufbahn sowie über Generationen und Branchen hinweg mobilisieren und zu einem Assett entwickeln.

Dieses Projekt schließt diese Forschungslücke, indem es eine prozessuale Perspektive auf Verwandtschaft und ethnische Ressourcen einnimmt. Es untersucht, wie migrantische Unternehmen – einschließlich der zweiten Generation – unterschiedliche Formen von Verwandtschaft und ethnischer Einbettung nutzen, um Chancen zu erkennen, Ressourcen strategisch zu mobilisieren und unternehmerischen Erfolg in verschiedenen europäischen Kontexten zu erzielen.

Die zentrale Forschungsfrage lautet:

Wie mobilisieren migrantische Unternehmen Verwandtschafts- und ethnische Ressourcen als strategische Assetts, um unternehmerische Chancen zu schaffen und wirtschaftlichen Erfolg zu erreichen?

Theoretischer Beitrag

Das Projekt entwickelt eine integrierte Perspektive, die Entrepreneurship-Forschung mit Migrationsforschung, der Theorie des sozialen Kapitals und modernen Verwandtschaftstheorien verbindet (Bourdieu, 1983; Andrikopoulos, 2026). Das zentrale Argument lautet, dass der unternehmerische Erfolg von migrantischen Unternehmen nicht ausschließlich durch individuelle Fähigkeiten oder institutionelle Chancen bestimmt wird, sondern maßgeblich von ihrer Fähigkeit abhängt, sozial bedeutsame Beziehungen als unternehmerische Ressourcen und strategische Assetts zu mobilisieren.

Ein wesentlicher Beitrag der Studie besteht in der Neukonzeptualisierung von Verwandtschaft. Frühere Entrepreneurship-Forschung betrachtete familiäre Unterstützung überwiegend im Hinblick auf unmittelbare Familienangehörige oder Haushaltsmitglieder (Aldrich & Waldinger, 1990; Portes & Sensenbrenner, 1993). Neuere Verwandtschaftsforschung argumentiert jedoch, dass Verwandtschaft über biologische oder rechtliche Familiendefinitionen hinausgeht. Sie wird sozial durch Praktiken der Fürsorge, des Vertrauens, der Verpflichtung, des Austauschs und gegenseitiger Verantwortung innerhalb einer Gruppe verwandter Personen hergestellt (Carsten, 2000; Franklin & McKinnon, 2001).

Übertragen auf das Unternehmertum ermöglicht diese Perspektive die Untersuchung eines wesentlich breiteren Spektrums sozialer Beziehungen, die als unternehmerische Ressourcen fungieren können. Verwandtschaft wird daher als dynamisches Ressourcensystem (Andrikopoulos, 2026) verstanden, das Kernfamilie, erweiterte Verwandtschaft, fiktive Verwandtschaftsbeziehungen sowie transnationale Formen der Verbundenheit umfasst (Drori et al., 2009). Solche Beziehungen können finanzielle Unterstützung, unbezahlte Arbeitskraft, unternehmerisches Wissen, emotionale Unterstützung, Legitimität sowie Zugang zu Märkten bieten – auch für Unternehmer der zweiten Generation.

Diese Perspektive ist besonders relevant im Migrationskontext, da geografische Mobilität und transnationale Lebensweisen traditionelle Vorstellungen von Familie und Verwandtschaft verändern. Migranten pflegen häufig Beziehungen über Ländergrenzen hinweg und schaffen transnationale Verwandtschaftsnetzwerke, über die Informationen, Ressourcen und Geschäftsmöglichkeiten zirkulieren (Drori et al., 2009; Andrikopoulos, 2026). Migration schwächt Verwandtschaftsbeziehungen somit nicht zwangsläufig, sondern kann sie zu bedeutenden unternehmerischen Ressourcen transformieren. Neben Verwandtschaft untersucht das Projekt ethnische Ressourcen als zweite zentrale Dimension migrantischen Unternehmertums. Die Forschung zeigt, dass ethnische Gemeinschaften Unternehmern wertvolle Ressourcen bereitstellen können, darunter kulturelles Wissen, vertrauensbasierte Beziehungen, Marktinformationen sowie Zugang zu Kunden und Lieferanten (Aldrich & Waldinger, 1990; Light & Gold, 2000; Zhou, 2004). Diese Ressourcen können Unsicherheiten reduzieren und unternehmerisches Handeln erleichtern, insbesondere wenn Unternehmer auf Barrieren innerhalb etablierter Institutionen stoßen.

Verwandtschaft und Ethnizität stehen zwar in engem Zusammenhang, sind jedoch nicht identisch. Ethnizität wird dabei nicht als automatischer Wettbewerbsvorteil verstanden. Ethnische Ressourcen entfalten ihren Wert erst dann, wenn Unternehmerinnen und Unternehmer soziale und kulturelle Verbindungen erfolgreich in wirtschaftliche Chancen umwandeln können. Eine starke ethnische Einbettung kann Unterstützung und Solidarität fördern, eine zu starke Abhängigkeit von geschlossenen Netzwerken kann jedoch gleichzeitig den Zugang zu größeren Märkten und Institutionen einschränken. Erfolgreiches Unternehmertum erfordert daher häufig ein Gleichgewicht zwischen bonding social capital (innergemeinschaftliche Beziehungen) und bridging social capital (Verbindungen zu externen Netzwerken) (Putnam, 2000; Portes, 1998).

Durch die gemeinsame Betrachtung von Verwandtschaft und ethnischen Ressourcen geht die Studie über Ansätze hinaus, die Familiennetzwerke, ethnische Netzwerke und soziales Kapital als voneinander getrennte Phänomene behandeln. Stattdessen untersucht sie, wie unterschiedliche Formen sozialer Verbundenheit zusammenwirken und wie Unternehmer diese aktiv mobilisieren, um Chancen zu nutzen und Herausforderungen zu bewältigen.

Forschungsdesign und Methodik

Die Studie verfolgt ein qualitatives Forschungsdesign und basiert auf rund 40 halbstrukturierten Interviews mit männlichen und weiblichen Migrantenunternehmern der ersten und zweiten Generation in verschiedenen europäischen Ländern sowie auf ergänzenden Interviews in Kanada.

Die Teilnehmenden stammen aus unterschiedlichen Migrations- und ethnischen Minderheitengruppen und agieren in verschiedenen nationalen und institutionellen Kontexten. Dieser vergleichende europäische Ansatz ermöglicht es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Nutzung von Verwandtschafts- und ethnischen Ressourcen zwischen verschiedenen Gemeinschaften und unternehmerischen Umfeldern zu untersuchen.

Eine qualitative Methodik eignet sich besonders, da Verwandtschaft und ethnische Ressourcen relationale und kontextabhängige Phänomene darstellen, deren Verständnis die Perspektiven und Erfahrungen der Unternehmer erfordert. Die halbstrukturierten Interviews ermöglichen es zu untersuchen, wie Unternehmerinnen und Unternehmer Verwandtschaft definieren, welche Beziehungen sie als bedeutsam ansehen und wie soziale Beziehungen in unternehmerische Ressourcen umgewandelt werden.

Im Mittelpunkt stehen Erfahrungen mit Familienbeziehungen, erweiterter Verwandtschaft, fiktiver Verwandtschaft, transnationalen Verbindungen, ethnischen Gemeinschaften und weiteren unternehmerischen Netzwerken. Besonderes Augenmerk gilt der Frage, wie diese Beziehungen zur Erkennung von Geschäftsmöglichkeiten, zum Zugang zu Wissen, zur finanziellen Unterstützung, zur Mobilisierung von Arbeitskräften, zum Markteintritt und zur Unternehmensentwicklung beitragen.

Die erhobenen Daten werden mittels qualitativer thematischer Analyse ausgewertet, um wiederkehrende Muster, Mechanismen und Unterschiede zwischen den Fällen zu identifizieren. In einem induktiven und theoriegeleiteten Analyseprozess wird untersucht, wie Unternehmer soziale Beziehungen als Ressourcen in unterschiedlichen europäischen Kontexten konstruieren, aushandeln und mobilisieren.

Erwarteter Beitrag

Das Projekt erweitert bestehende Theorien zur sozialen Einbettung und zum sozialen Kapital im Unternehmertum. Während frühere Studien gezeigt haben, dass Netzwerke für unternehmerischen Erfolg bedeutsam sind, verlagert diese Untersuchung den Fokus von Netzwerken als strukturellen Arrangements hin zu Beziehungen als dynamischen Ressourcen, die durch Vertrauen, Verpflichtung und soziale Bedeutung geprägt sind (Fubah & Moos, 2025).

Darüber hinaus leistet das Projekt einen Beitrag zur Forschung über migrantische Unternehmen, indem es zeigt, dass Verwandtschaft und Ethnizität nicht lediglich demografische Merkmale oder Hintergrundbedingungen darstellen. Vielmehr sind sie aktive soziale Ressourcen, die Unternehmer aufbauen, pflegen und gezielt mobilisieren, um sich in komplexen wirtschaftlichen und institutionellen Umfeldern erfolgreich zu bewegen.

Durch die Verbindung moderner Verwandtschaftstheorien mit der Forschung zum ethnischen Unternehmertum bietet die Studie eine neue Perspektive darauf, wie Migrantenunternehmer in Europa soziale Verbundenheit in unternehmerische Ressourcen transformieren. Sie verdeutlicht, dass unternehmerischer Erfolg aus dem Zusammenspiel individueller Handlungsfähigkeit, sozialer Beziehungen und institutioneller Rahmenbedingungen entsteht (Welter, 2011). Insgesamt trägt das Projekt zu einem vertieften Verständnis von Unternehmertum als sozial eingebettetem Prozess bei, in dem Gemeinschaften, Identitäten und Beziehungen zentrale Quellen unternehmerischer Fähigkeiten und Erfolge darstellen.

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