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Strukturwandel im Ruhrgebiet: „Gutes Leben“ als Zukunftswirtschaft

In der kakophonischen Ideenflut stellt das IAT den Kompass auf Orientierung nach vorn

Pressemitteilung vom 03.09.2019
Redaktion: Claudia Braczko

Um die Zukunft des Ruhrgebiets wird (zu)viel diskutiert, zuweilen kontrovers, oft unsystematisch. »Smart« soll das Ruhrgebiet werden, eine Wissensregion sein, einen Radschnellweg haben und Hightech darf auch nicht fehlen. Aber welche Richtung soll der Strukturwandel im Ruhrgebiet einschlagen? Braucht es eine gemeinsame Orientierung? Forscherinnen und Forscher des Instituts Arbeit und Technik (IAT/ Westfälische Hochschule Gelsenkirchen) sagen ja und definieren ein „gutes Leben“ als Kompass für die gemeinsame Orientierung nach vorn.

Produkte und Dienstleistungen für Lebensqualität und Nachhaltigkeit werden nach Einschätzung des Instituts den Strukturwandel im Revier zunehmend prägen. Wirtschaftsbereiche, die anspruchsvolle Dienstleistungsbedürfnisse der Menschen bedienen: Bildung und Wissen, Kultur, Gesundheit und Pflege, Energie sind schon lange nicht mehr nur notwendige und kostenträchtige Bereiche, sondern Zukunftsbranchen, die einen wesentlichen Beitrag zu mehr Lebensqualität leisten (können). Mittlerweile über 770.000 und damit nahezu 45 % der insgesamt gut 1,7 Mio. sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Ruhrgebiets sind in diesen Feldern tätig. Ein Trend, der bereits heute den wirtschaftlichen Strukturwandel an Ruhr und Emscher prägt.

Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Eine Win-win Situation für Bürger/innen und Wirtschaft

Mit Blick nach vorn steht das Ruhrgebiet in diesen Gestaltungsfeldern zugleich vor großen Herausforderungen. In der (montan-)industriellen Vergangenheit bewies die Region große Fähigkeiten, (qualifizierte) Arbeit, Technik und Organisation für die Lösung komplexer Fragestellungen intelligent zu kombinieren. Gelingt eine systematische Entwicklung von Angeboten, Strukturen und Lösungen für nachhaltige Lebensbedingungen, verspricht dies eine Win-Win Situation: für die Bürgerinnen und Bürger des Ruhrgebiets dringend notwendige Verbesserungen und zugleich neue Perspektiven für die beteiligten Wirtschaftsbranchen.

Dies gilt gerade auch für Hightech-affine Dienstleistungs- und Industrieunternehmen. Mit den Kompetenzen in der Grundstoffchemie, der Logistik, der Wertstoffkreisläufe sowie Abfallwirtschaft, in den Forschungseinrichtungen, Wirtschaftsförderungen und Clustern in der Region bieten sich vielfältige Anknüpfungspunkte, um Dienstleistungen und Produkte wirksamer, nutzungsfreundlicher, generationengerechter, effizienter, grüner und gesünder zu gestalten. Durch die Zusammenarbeit bei Systemlösungen und in integrierten Wertschöpfungsketten lässt sich hier Wegweisendes schaffen.

Ebenso kann das Revier neue Akzente setzen, wenn es an einer Rückkehr von produzierenden Aktivitäten in die Stadt arbeitet. Es geht darum, das »Neue« zu fördern und zuzulassen: Experimentierräume wie offene Werkstätten, Repair-Cafés, Urbane Landwirtschaft und kleinere Manufakturen, die das Leben urbaner, bunter und moderner machen, tragen nicht nur zur Attraktivität und Reputation des Reviers bei, sondern können auch Wissensspillover und »Co-Creation« anregen – wirken als Innovationstreiber, als Wertschöpfungsfelder sowie als Versorgungs- und Begegnungsorte.

Neue Governanceansaätze und Neue Kompensatorik

Neben dem wirtschaftlichen Wandel gibt es weitere Herausforderungen: Die besonderen Probleme altindustrieller Regionen – vor allem im nördlichen Ruhrgebiet – bedürfen einer neuen Kompensatorik. Was ist hierunter zu verstehen? Ein wirkungsmächtiger Strukturwandel braucht eine weiterentwickelte Governance: Lösungen für mehr Lebensqualität und nachhaltige Lebensbedingungen brauchen Wissen, Konsens, Durchsetzungskraft und Durchhaltevermögen vor Ort. Dafür müssen bestehende Institutionen und Mechanismen der (Selbst‑)Steuerung und Regulierung weiterentwickelt werden. Es braucht Governanceansätze, die stärker als bisher Akteure aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung für die gemeinsame Gestaltung des Strukturwandels mobilisiert und orchestriert, unterschiedliche Interessenslagen ausbalanciert, aber auch Konflikte zulässt und gleichermaßen soziale und ökonomische Aspekte in den Blick nimmt, ohne das strategische Ziel für mehr Lebensqualität aus dem Auge zu verlieren.

Kompensatorik bedeutet auch, dass für die Bewältigung des Strukturwandels nicht nur neue Kapazitäten, sondern auch Finanzmittel erforderlich sein werden. In diesem Zusammenhang ist der Wirkungsmessung verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht allein Geld, sondern mehr Wissen über die erzielten Effekte und die Effizienz von Maßnahmen zur Bewältigung des Strukturwandels ist notwendig. 

Die Sorge um den Abbau von Arbeitsplätzen infolge der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft ist im Ruhrgebiet spürbar. Gleichzeitig drohen Fachkräfteengpässe, die selbst mit großen Produktivitätsfortschritten nicht ausgeglichen werden können. Der Ausbau und die Modernisierung einer zukunftsfähigen Wirtschaft muss folglich von einer Aufwertungsstrategie für attraktivere Arbeit begleitet werden. Neben besseren Arbeitsbedingungen sind ein besseres Zusammenwirken der Sozialparteien sowie eine innere Erneuerung der Arbeitswelt überfällig. Hier ist die Chance, an arbeitspolitische Traditionen anzuknüpfen und gleichwohl mit dem »Blick nach vorn« eine moderne und beschäftigtenorientierte Arbeitswelt zu gestalten. Damit kann die Metropole Ruhr zur Vorreiterregion werden, die Visionen einer Zukunft für Arbeit im Strukturwandel mit Tradition, Bodenhaftung und Experimentierfreude erlebbar macht.

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Foto: Am Duisburger Innenhafen wird der Strukturwandel im Ruhrgebiet beispielhaft sichtbar. ©pixaby