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Kulturen in Regionen und Unternehmen

IAT stellt Ergebnisse aus sieben europäischen Regionen im Vergleich zu Ostwestfalen-Lippe vor

Pressemitteilung vom 22.06.2009
Redaktion: Claudia Braczko

Besteht unsere Wirtschaft tatsächlich aus frei vagabundierenden Zweigstellen “heimatloser” Konzerne, die Produktionsstandorte eröffnen und wieder schließen, sobald sich eine bessere Gelegenheit bietet? Diese Ansicht trifft nur bedingt zu, denn aus dem Zusammenspiel regionaler Kulturen und Unternehmen ergeben sich gestaltbare Entwicklungspotenziale, gesellschaftliche Orientierung und Verantwortung von Un-ternehmen gewinnen an Relevanz, wie erste Ergebnisse aus dem von der Europäischen Kommission im 6. Forschungsrahmenplan geförderten Forschungsprojekt „Corporate Culture and Regional Embeddness“ (CURE) zeigen.

Im Rahmen des vom Institut Arbeit und Technik (IAT/ FH Gelsenkirchen) koordinierten Projektes wurden in einem internationalen Team über 210 Unternehmen in sieben Regionen aus sechs europäischen Ländern (Ostwestfalen-Lippe, Wales/UK, Györ/Ungarn, Steiermark/Österreich, Basel/Schweiz, Südost Brandenburg, Südost Niederlande) befragt und 21 vertiefende Studien zum Zusammenhang zwischen regionaler Kultur und Unternehmenskultur durchgeführt. Ausgangspunkt für das Forschungsprojekt ist die These, dass Akteure die regionalen Besonderheiten als Stärken erkennen und weiterentwickeln und eben nicht – wie in der Praxis so häufig – den jeweiligen Moden, Best Practice oder generellen Trends hinterherlaufen.

Das IAT als Projektkoordinator hat die Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) in den letz-ten 12 Monaten intensiv unter die Lupe genommen, die Ergebnisse – im Vergleich zu den anderen europäischen Regionen – wurden jetzt auf einem Workshop in Kooperation mit der IHK zu Bielefeld vorgestellt.

„Die Region OWL ist durch eine Vielzahl an Familienunternehmen geprägt, die in besonderer Weise Verantwortung für ihre Mitarbeiter und den Standort übernehmen“, stellt der IAT-Forschungsdiretor PD Dr. Dieter Rehfeld fest. Sie sind ausgerichtet auf langfristiges strategisches Denken, verlässliche und anhaltende Arbeitsverhältnisse und eine starke soziale Einbettung. Dabei profitieren sie von regionalen Kompetenzen in Form von Unternehmen, Institutionen, Forschungseinrichtungen und Mitarbeitern, und werden von spezifischen Kulturen und Milieufaktoren beeinflusst. Dass die Region keine Metropole ist, habe sogar Vorteile: „So wirkt die „Provinz“ durchaus als „Resonanzboden“ und expressive Produkte erhalten eine andere Aufmerksamkeit als sie beispielsweise in London oder Berlin bekommen würden“, sagt der Regionalfor-scher Dr. Stefan Gärtner.

Eine starke Orientierung an der Region und ihren Werten könne aber auch mit einer fehlenden Offenheit und einer zu geringen Internationalisierung einhergehen, wurde in der Diskussion gewarnt: „Wie lange kann es sich die Region leisten, im eigenen Saft zu schmoren?“. Die „bodenständige Mentalität“ wird aber nicht nur negativ gesehen, sondern auch als Potenzial betrachtet: „Hier wird in die Hände gespuckt und die Sachen werden umgesetzt!“.

Die Unternehmen in OWL engagieren sich zunehmend beim Aufbau „weicher“ Standortfaktoren. Dies funktioniert in vielen Bereichen – wenn es zum Beispiel um den Aufbau von Netzwerken, Forschungsverbünden oder die Verbesserung des regionalen Images geht – nur gemeinsam mit regionalen Akteuren. Das Zusammenspiel zwischen regionaler Kultur und Unternehmenskultur wird besonders bei der Anpassung an globale Veränderungen relevant. In Regionen mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) kann der strategische Wandel und die Attraktivitäts- und Kompetenzsteigerung der Region nur durch Kooperationen bewerkstelligt werden. „Die Unternehmenskultur muss sich deshalb von einer Einzelkämpfer-Kultur hin zu einer Kultur der vernetzten Unternehmen verändern“, so die IAT-Forscher. Das bedeute jedoch nicht, dass das „Modell Familienunternehmen“ veraltet sei. Vielmehr zeigen Erfahrungen, dass sich die Familienunternehmen nachhaltiger engagieren und oft Wortführer sind.

Insgesamt lässt sich aus den Ergebnissen aller sieben Regionen ableiten, dass es zwar ein möglicher und wünschenswerter aber kein zwangsläufiger Prozess ist, dass sich Unternehmen vom Einzelkämpfer zum Netzwerker entwickeln, gemeinsam den lokalen bzw. regionalen Standort gestalten und davon wiederum profitieren.

Wie die regionale Standortgestaltung von Seiten der Politik (EU, Bund, Land, Städte und Kreise), Unternehmen, Institutionen und der Verwaltung unterstützt werden kann, wird von den Projektpartnern derzeit erarbeitet. Die Ergebnisse werden auf einer internationalen Konferenz am 03.12.2009 in Brüssel zur Diskussion gestellt. Interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich schon jetzt unter oehler@iat.eu informell vormerken lassen.

 

Publikation zum Thema:

Gärtner, Stefan / Rehfeld, Dieter
2009: Unternehmens- und Regionalkulturen - aus der Empirie abgeleitete Hypothesen wurden auf einem Workshop in OWL vorgestellt und diskutiert: Kurzbericht. Manuskript. Gelsenkirchen: Inst. Arbeit und Technik PDF

Für weitere Fragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Stefan Gärtner
Dieter Rehfeld