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Die Dynamik sozialer Innovationsprozesse / DYSI

Ausgangssituation

Soziale Innovationen, verstanden als neue Ideen, Produkte, Dienstleistungen und Modelle, die soziale Bedürfnisse adressieren und neue soziale Beziehungen oder Zusammenarbeit hervorrufen (Murray et al. 2010), werden verstärkt als ein wichtiger Hebel erachtet, mit dem gesellschaftlichen Problemen effektiv begegnet werden kann. Dies ist beispielsweise in der europäischen Innovationsunion, einer der sieben Leitinitiativen zur Umsetzung der Europa 2020 Strategie, zu lesen:
„Die soziale Innovation ist ein wichtiger neuer Bereich, der gepflegt werden sollte. Dabei geht es darum, den Einfallsreichtum von Wohltätigkeitsorganisationen, Vereinen und Sozialunternehmern anzuzapfen, um nach neuen Wegen zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu suchen, für die der Markt oder der öffentliche Sektor keine befriedigenden Antworten haben“ (KOM 546: 25).
Soziale Innovationen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von den bisher im Fokus der Forschung stehenden technologischen bzw. ingenieurswissenschaftlich geprägten Innovationen, die z.B. in den Branchen Biotechnologie, ICT und der Automobilwirtschaft zu finden sind: Während die Gewinnerzielungsabsicht im Zentrum vieler technologischer Innovationen steht, sind soziale Innovation primär durch das soziale Engagement der beteiligen Akteure motiviert, die dadurch zur Minderung gesellschaftlicher Problemlagen beitragen.
Auch mit Blick auf den Innovationsprozess zeigt sich, dass die Einbindung des Kunden bzw. der Endnutzer in den vergangenen Jahren Sektor übergreifend deutlich an Bedeutung gewonnen hat, was sich u.a. in Konzepten wie Open oder Embedded Innovation niederschlägt. Soziale Innovationen gehen diesbezüglich allerdings noch einen Schritt weiter, indem gesellschaftliche Gruppen als fester Bestandteil aktiv in den Innovationsprozess einbezogen werden. Darüber hinaus zeigen sich deutliche Unterschiede in den Diffusionskanälen sozialer Innovationen, die sehr unterschiedliche Formen annehmen und zum Teil deutlich komplexer sind.

Ziel des Projekts

Vor diesem Hintergrund war es das übergeordnete Ziel des IAT-Eigenprojekts DYSIneue Erkenntnisse über die spezifischen Dynamiken und den Verlauf von sozialen Innovationsprozessen zu erlangen. Konkret wurden dabei die folgenden Forschungsfragen untersucht:

  • Was sind die Anreizmechanismen und Motivationen für die Ideenentwicklung und Entstehung sozialer Innovationen?
  • Wie gestalten sich Treiber und Hemmnisse im Innovationsprozess?
  • Wer sind die relevanten Akteure und wie entstehen Akteursnetzwerke?
  • Welchen Einfluss hat das räumliche Umfeld auf den Innovationsprozess?
  • Welche Geschäftsmodelle und Finanzierungsformen sozialer Innovationen (bzw. sozialer Unternehmen) gibt es?
  • Darauf aufbauend, inwieweit bestehen Divergenzen zwischen den Bewertungsstandards von Banken bei der Kreditvergabe (Businesspläne, etc.) und den tatsächlichen Anforderungen sozialer Unternehmen?
  • Wie verläuft die Umsetzung und Diffusion sozialer Innovationen?

Umsetzung
DYSI hat sich in vier inhaltlich ineinandergreifende Arbeitspakete gegliedert, welche die oben vorgestellten Forschungsfragen aufgriffen. Arbeitspakete 1 und 2 analysierten soziale Innovationsprozesse aus einer thematischen Perspektive (Mobilität und integrierte Gesellschaft). Die Arbeitspakete 3 und 4 betrachteten soziale Innovationen themenübergreifend und befassten sich insbesondere mit den Fragen nach dem Einfluss des räumlichen und sozialen Kontexts auf den Innovationsprozess sowie den spezifischen Anforderungen und Problemen der Finanzierung und Diffusion sozialer Innovationen.

 

AP1 | Soziale Innovationen im Mobilitätssektor

Hintergrund

Mobilität ist eine der Schlüsselgrößen einer modernen europäischen Gesellschaft. Durch sie wird gesellschaftliche Teilhabe und persönliche Freiheit entscheidend begünstigt. Vor allem unsere Automobilität ruft aber auch massive Verkehrsprobleme, insbesondere in den Ballungsgebieten hervor. Etwas weniger konkret, aber nicht minder wichtig sind die vom Straßenverkehr ausgehenden Lärm- und CO2-Emissionen, die den Klimawandel begünstigen. Nicht zuletzt ist zu erwarten, dass die zur Neige gehende Ressource Öl und die damit verbundenen hohen Mobilitäts- und Transportkosten weitere Verkehrsprobleme verursachen.
Diese besorgniserregende Ausgangssituation ist der Hauptgrund, warum die deutsche UNESCO-Kommission nachhaltige Mobilität als Hauptthema der UN-Dekade für nachhaltige Entwicklung im Jahr 2013 gewählt hat. Dabei geht es explizit um die Frage, wie zukünftige nachhaltige Mobilität ausgestaltet wird. Dass diese mit effizientem Energieverbrauch und einem Wandel in unserem Verkehrsverhalten einhergehen muss, ist hinlänglich bekannt. Initiativen, in denen soziale Innovationen entwickelt und angewendet werden, bilden einen wichtigen Baustein, durch den sich unser Mobilitätsverhalten nachhaltig verändern kann.
Das Thema Verkehr und Mobilität ist daher für die Analyse sozialer Innovationen von aktuellem Interesse. Zwei zentrale Aspekte veranschaulichen dies: Zum einen geht es darum durch neue, zu innovativem Verkehrsverhalten anregende Konzepte, die genannten Verkehrsprobleme zu reduzieren und damit die städtische Lebensqualität wieder zu erhöhen, die endlichen Ressourcen schonend einzusetzen und den Folgen des Klimawandels konstruktiv zu begegnen. Zum anderen bedeutet Mobilität Zugang zu wichtigen Komponenten des gesellschaftlichen Lebens wie etwa Kultur und Bildung, Arbeit und Einkauf und öffentliche Dienste und Gesundheitseinrichtungen. Mobilität zu erhalten und zu ermöglichen, insbesondere für die Bewohner ländlicher Gebiete und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, ist ein wichtiger Schritt hin zu einer integrierten Gesellschaft.

Methodische Vorgehensweise

Die Untersuchung sozialer Innovationen im Mobilitätssektor erfolgte durch die Durchführung von Innovationsbiographien, Experteninterviews und Literaturrecherche.

AP2 | Soziale Innovationen für eine integrierte Gesellschaft

AP2.1 | Soziale Innovationen durch bürgerschaftliches Engagement

Hintergrund

Viele Bürger sind gemeinnützig aktiv und engagieren sich sozial. Im Rahmen dieser Tätigkeiten entsteht eine Vielzahl an innovativen Ideen, die darauf abzielen gegenwärtige lokale oder nationale gesellschaftliche Problemlagen zu vermindern oder gar vollständig zu beheben. Genau solche Ideen und ihre Umsetzungsprozesse standen im Zentrum des Arbeitspakets. Konkret ging es um innovatives bürgerschaftliches Engagement, durch das Themen der Daseinsvorsorge (Bildung, Versorgung, Gesundheit, Kultur, etc.) neu angegangen und umgesetzt werden, das also zu einer erhöhten Lebensqualität vor Ort beiträgt.

Die folgenden zwei Forschungsfragen wurden empirisch untersucht:

  • Was ist die Rolle und Reichweite (im Sinne von gleichwertigen Lebensverhältnissen) von durch bürgerschaftliches Engagement angetriebenen sozialen Innovationen für die lokale und regionale Daseinsvorsorge?
  • Wie gestalten sich die konkreten Innovationsprozesse im Rahmen bürgerschaftlichen Engagements, was sind ihre Treiber (z.B. Unterstützung durch öffentliche Akteure) und wo liegen Hemmnisse (z.B. Finanzierungsquellen)?

AP2.2 | Das ungenutzte Potenzial benachteiligter Gruppen für den Arbeitsmarkt

Hintergrund

Das Arbeitspaket befasste sich mit der Entwicklung innovativer Ansätze, die auf die Integration benachteiligter Gruppen (z.B. Menschen mit einem Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderung, Schulabbrecher, Menschen ohne Ausbildung) in den ersten Arbeitsmarkt abzielen. Insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels bergen benachteiligte Gruppen ein bisher ungenutztes Potenzial, das in Zukunft stärker ausgeschöpft werden muss.

Methodische Vorgehensweise

Das Arbeitspaket widmete sich der vergleichenden Analyse vorhandener innovativer Ansätze, Methoden und Instrumente, durch die die Arbeitsmarktintegration für benachteiligte Gruppen erleichtert wird. Ein wichtiger methodischer Baustein der vergleichenden Analyse war ein interaktiver Dialog mit regionalen Stakeholdern.

AP3 | Die Verortung sozialer Innovationen

Hintergrund

Unternehmerisches Handeln und somit auch Innovationen erfolgen nicht isoliert, sondern sind eingebettet in den sozialen Kontext. Aus einer räumlichen Perspektive wird hierbei besonders auf die räumliche Einbettung von Innovationen abgehoben, welches sich etwa im Clusteransatz manifestiert. Daher scheint die Vermutung naheliegend, dass auch soziale Innovationen in bestimmten örtlichen Kontexten entstehen und von diesen beeinflusst bzw. hervorgerufen werden. Eine methodisch bedingte Fokussierung der sozialen Innovationsforschung auf national und international bekannte Projekte, evtl. gepaart mit einer Begeisterung für soziale Medien, könnte jedoch den Eindruck entstehen lassen, dass soziale Innovationen meist ortsunabhängig entstehen und einfach räumlich diffundieren können. 
Im Projekt Raumunternehmen haben wir das Entstehen von höchst ortsgebundenen Unternehmen rekonstruiert. Nicht wenige dieser Unternehmen können als soziale Unternehmen gelten und/oder haben soziale Innovationen getätigt. Sie haben Kulturzentren und Treffpunkte im Quartier errichtet, innovative Finanzierungskonzepte für soziale Projekte erprobt oder zur Verbesserung der lokalen Versorgung benachteiligter Menschen beigetragen (Einkaufsmöglichkeiten). 
Auf Grundlage dieser Untersuchung, wurde die Verortung sozialer Innovationen untersucht. Eine unserer Hypothesen lautete hierbei, dass soziale Innovationen oft aufgrund der örtlichen Gegebenheiten/Problemlagen entstehen und daher stark vom lokalen Kontext beeinflusst werden. Ihre Übertragung auf andere örtliche Gegebenheiten ist nicht immer einfach.

Methodische Vorgehensweise

Eine Sekundäranalyse der im Projekt Raumunternehmen erhobenen sozialen Unternehmens- und Innovationsbiographien, sowie die Auswertung der Innovationsbiographien der Themenblöcke 1 und 2.

AP4 | Finanzierung sozialer Innovationen

Hintergrund

Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage nach der Finanzierung sozialer Innovationen. Ausgangspunkt bildet die Hypothese, dass soziale Innovationen im Vergleich zu anderen Innovationsarten vielfach weniger kapitalintensiv sind, klassische Banken und andere Finanzintermediäre aber oft Schwierigkeiten haben soziale Innovationen und ihren gesellschaftlichen Mehrwert zu bewerten. Vor diesem Hintergrund erweist es sich für soziale Innovatoren vielfach als schwierig, eine externe Finanzierung durch den Finanzsektor zu erhalten. Hieraus ergaben sich mehrere spannende Fragen:

  • Ist der oben vermutete Zusammenhang zutreffend?
  • Wie werden soziale Innovationen finanziert? (Wettbewerbe; Fördermittel; Eigenkapital; kein Kapitalbedarf…)
  • Sollte, und wenn ja wie, der Finanzsektor mit sozialen Innovationen umgehen? Kann ein Verfahren zur Einschätzung von Risiken sozialer Innovationen entwickelt werden?
  • Trägt die Mikrofinanzierung dazu bei, dass soziale Innovationen eher Finanzierung erhalten? 
    Eng damit verknüpft ist die Frage nach der Messung der ökonomischen und gesellschaftlichen Wirkung sozialer Innovationen. Es stellt sich die Frage, inwiefern sich die auf klassische Innovationen angewendeten Inkatoren für soziale Innovationen eignen, oder ob es nicht vielmehr eines neuen Bewertungsverfahrens basierend auf qualitativen und quantitativen Indikatoren bedarf.

 

Methodische Vorgehensweise

Den Fragen wurde durch die Sekundäranalyse der im oben genannten Projekt Raumunternehmen erhobenen sozialen Unternehmens- und Innovationsbiographien, sowie den im Rahmen der Themenblöcke 1 und 2 zu erarbeitenden Innovationsbiographien nachgegangen. Darüber hinaus wurde ein Benchmarking alternativer Mess- und Bewertungsverfahren und eine Auswertung der durch den Mikrofinanzfonds finanzierten Projekte durchgeführt. Die Erkenntnisse wurden ggf. durch Interviews mit Banken und Finanzexperten ergänzt.

 

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