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Forschungsschwerpunkt Raumkapital

Das Ziel des 2014 gegründeten Forschungsschwerpunktes ist es, durch Forschung, Entwicklung und Begleitung einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Räumen und der Schaffung gleichwertiger Lebensbedingungen zu leisten.

Raumkapital ist dabei Name und Untersuchungsgegenstand zugleich. Raumkapital bezieht sich auf das endogene Potenzial von Regionen und betrachtet dieses aus fünf Perspektiven:

So werden erstens die Chancen, die sich in demographisch und ökonomisch schrumpfenden Räumen ergeben, in besonderer Weise berücksichtigt. Beispielsweise können in leer gefallenen Gebäuden bzw. auf Flächenbrachen Nutzungen ausprobiert werden (Raum- bzw. Reallabore) oder sich auch dauerhaft etablieren, die in ökonomisch angespannten Immobilienmärkten nicht möglich wären. Dies kann auch einen wichtigen Beitrag zur Nahversorgung und lokalen Lebensqualität leisten.

Zweitens macht Raumkapital diese Ressourcen vor dem Hintergrund politischer, ökonomischer, gesellschaftlicher und technologischer Trends nutzbar (Möglichkeitenkapital). Neue emissionsarme und ressourcenschonende Produktionsverfahren (Postschornsteinindustrien), neue Technologien (z.B. Internet der Dinge) und Werkstoffe, eine zunehmende Nachfrage nach nachhaltigen, authentischen Produkten (z.B. regionale Lebensmittel), aber auch die im Zuge der Energiewende gebotene dezentrale Energieversorgung können lokale Wertschöpfung im Quartier fördern und Gebäude- und Flächenleerstände in Wert setzen.

Raumkapital  fokussiert drittens auf monetäres Kapital als Mittel, um in einer Region vorhandenes Potenzial zu nutzen. Dabei geht es sowohl um das in der Region vorhandene monetäre Kapital, um das regionale Haltevermögen von Kapital und Fördermitteln sowie den Zugang zu Kapital. Monetäres Kapital ist notwendig, um eine gesellschaftliche und monetäre Rendite des regionalen Raumkapitals zu erzielen. 

Viertens wird auf engagierte Akteure (Zivilgesellschaft, Unternehmen) fokussiert, die Räume mitentwickeln und die regionalen Potenziale nutzbar machen (Engagement). Eine Herausforderung ist für uns dabei, dass monetäres und personales Kapital ungleich im Raum verteilt sind und dort, wo es an monetärem Kapital fehlt, es häufig auch an personalem Kapital fehlt.

Raumkapital entsteht aber fünftens auch dann, wenn nicht nur (wirtschaftliche) Kompetenzen, bauliche und landschaftliche Ressourcen usw., sondern auch Governance-Strukturen, Ideen,  Einstellungen, Identitäten und das Zusammenspiel der Akteure in Netzwerken als Potenziale gesehen werden. Dabei werden Regionen und Räume nicht nur als administrativ-politische Grenzen verstanden, sondern indem wir den Beziehungen der Akteure folgen (relationale Perspektiven).

Um solche Konzepte für die Praxis nutzbar zu machen, wird im Kern zu den folgenden drei Themensträngen geforscht:

Raum und Finanzen

Monetäres Kapital ist räumlich und sektoral ungleich verteilt. Während global Milliardenbeträge nach Anlagemöglichkeiten suchen, können Firmen, soziale Organisationen, Kommunen und private Haushalte vor Ort sinnvolle Investitionen nicht tätigen, da der Zugang zu Kapital fehlt. Banken, Börsen, Investoren, private Anleger und neuerdings Peer-to-peer-Plattformen (z.B. crowd funding), aber auch die öffentliche Hand (z.B.  Renten- und Sozialversicherung, Stadtentwicklungsfonds) verteilen Kapital. Sie entfachen dabei räumliche Kapitalflüsse, bestimmen regionale Kapitalzugangsmöglichkeiten und beeinflussen die Informations- und Machtverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern. Der Forschungsschwerpunkt untersucht die räumliche Organisation sowie räumliche und sektorale Ergebnisse dieser Kapitalverteilungsprozesse mit dem Ziel, Kapitalzugänge zu verbessern und nachhaltige Investitionen zu fördern. Ein wichtiger Baustein ist hierbei der Vergleich dezentraler und zentraler Banken- und Finanzsysteme, wobei wir konkreten und praxisrelevanten Fragen nachgehen, zum Beispiel:

  • Können regionale Banken die Finanzierung von Klein- und Mittelunternehmen verbessern?
  • Welche Art nationaler Finanzzentren ist von Bedeutung?
  • Wie beeinflusst die deutsche Rentenversicherung das Geschäft lokaler Banken?
  • Brauchen wir neue Finanzierungsinstrumente für bürgerschaftliches Engagement und Innovationen?
  • Soll Strukturpolitik auf revolvierende Finanzinstrumente setzen?  

Strukturpolitik und Stadterneuerung

In diesem Themenstrang  geht es um die Gestaltung der mit dem Strukturwandel hervorgerufenen Auswirkungen. Auch wenn regionale Strukturpolitik durchaus erfolgreich war und sowohl Beiträge zur Entwicklung strukturschwacher altindustrieller als auch ländlicher Regionen leistet, hat der Wandel von der industriellen hin zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft zu problematischen Entwicklungen in einzelnen Städten oder Quartieren geführt. Einerseits betrachten wir neue Konzepte der Struktur- und Regionalpolitik wie Smart Specialisation und untersuchen, wie sich eine präventive vorausschauende Strukturpolitik organisieren lässt. Andererseits geht es uns um die Stärkung der lokalen Ökonomie und die Verbesserung der (ökonomischen) Teilhabe  in vom Strukturwandel abgehängten Quartieren.

Raumkapital erforscht, wie lokale, regionale und sektorale Strukturpolitik, Wirtschaftsförderung, urbane Wohn- und Lebensformen und Stadterneuerung im wechselseitigen Zusammenspiel positive Entwicklungen entfalten können. Neben der Frage, wie Strukturpolitik mit inhärenten Dilemmata (z.B.: Sollen eher die Wachstumskerne fokussiert werden oder die Ressourcen breit im Raum verteilt werden?) umgehen soll, beschäftigen wir uns mit konkretem Raumbezug mit folgenden Fragen:

-          Was ist das Raumkapital einzelner Teilräume, und welche Potenziale bieten insbesondere Brachflächen und Leerstände?

-          Wie können neue Produktionsverfahren für die innerstädtische Produktion genutzt werden?

-          Wie lassen sich lokale Ideen und Wissen für eine nachhaltige Entwicklung aufspüren?

-          Warum haben sich manche Quartiere im Strukturwandel negativ entwickelt, und was lässt sich aus dieser Entwicklung für die Zukunft lernen?

Zivilgesellschaft und alternative Ökonomien

Das dritte Forschungsthema basiert auf der Erkenntnis, dass Bürgerinnen und Bürger daran interessiert sind, ihr Lebensumfeld – ihren Raum – mitzugestalten und an Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen mitzuwirken. In diesem Zusammenhang soll z.B. der Ansatz der Koproduktion – eine engere und systematischere Zusammenarbeit von Kommunen und Bürgern – untersucht werden. Das Interesse, sich für sein Umfeld zu engagieren, mündet häufig auch in experimentellen Unternehmungen wie Sozialunternehmen, Raumunternehmen oder Raumpionieren, die mehr oder weniger den „alternativen Ökonomien“ zugeordnet werden können. Hinzu kommen neue bzw. alternative Praktiken der Zusammenarbeit, Wissensteilung und gemeinschaftlichen Nutzung von Gütern (Share Economy) wie Open Access, Commons,  Open Data etc., die neue Geschäftsmodelle und Organisationsformen bedingen. Diese Unternehmungen zeichnen sich dadurch aus, dass nicht die Gewinnmaximierung, sondern gesellschaftliche Wirkungen im Vordergrund stehen. Dabei stellen sich Fragen nach geeigneten Finanzierungsinstrumenten und nach geeigneten Business-Beratungen. Weitere Fragen in diesem Forschungsstrang sind:

  • Wie können Verwaltung, Rat und Zivilgesellschaft (noch) wirkungsvoller zusammenarbeiten?
  • Wie lassen sich Engagement-Prozesse aktivieren?
  • Was sind Faktoren für Erfolg bzw. Scheitern?
  • Inwiefern beeinflussen Raumunternehmen durch innovative Geschäftsideen und die Nutzung von leer stehenden Immobilien das Image eines Stadtteils / die lokale Lebensqualität?

Arbeitsweisen und Forschungsmethoden

Um diese Themenfelder bearbeiten zu können, ist das Team des Forschungsschwerpunkts Raumkapital interdisziplinär und gleichzeitig spezifisch zusammengesetzt: Kompetenzen aus Raumplanung, Wirtschaftsgeographie, Volkswirtschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Informatik und Informationswissenschaft wirken zusammen.

Die Forschungspraxis des Schwerpunktes basiert auf der Überzeugung, dass die anzuwendende Methodik allein der Forschungsfrage Rechnung tragen darf. Dafür kann der Schwerpunkt auf verschiedenste Methodenkompetenzen zurückgreifen. Qualitative Methoden wie fokussierte Gruppengespräche oder narrative Interviews und quantitative Methoden wie multivariate Statistik, multiple Regressionsmodelle oder Survival-Time-Analyse werden bei Bedarf kombiniert und durch neue, partizipative oder experimentelle Methoden, z.B. Citizen-science, Mental Maps, ergänzt. Die Methodentriangulation kommt sowohl zur Validierung von Ergebnissen als auch zur Vorbereitung von jeweils mit anderer Methodologie durchgeführten Beobachtungen zum Einsatz.

Wir führen lokale Analysen durch, erstellen Gutachten und Entwicklungskonzepte, betreiben Grundlagenforschung und begleiten Akteure in der Umsetzung und Evaluierung. Im Sinne eines transdisziplinären Forschungsleitbildes wollen wir Prozesse und Strukturen nicht nur verstehen und beschreiben, sondern ebenso zu deren Verbesserung beitragen. Dies erfolgt in Umsetzungs- und Begleitprojekten, in denen wir die Akteure unterstützen und Prozesse mitgestalten. Diese Projekte   bieten die Möglichkeit, von und mit den Praxisakteuren zu lernen und das gewonnene Wissen strukturiert aufzuarbeiten.